Von den Erziehungs-Anstalten in München
(Auszüge aus Lorenz Hübner: Beschreibung der kurbaierischen Haupt- und Residenzstadt München..., Bd.2, München 1805)
... So sah es um das öffentliche Erziehungswesen in München aus, als Herzog Wilhelm V: die Jesuiten hier aufnahm, und die ganze jugendliche Bildung in ihre Hände übergab.
Was für ein Geist das Monopol dieser Erziehung hier, durch ganz Baiern, und im ganzen katholischen Europa, das sich den Lojoliten unbedingt überließ, durch beinahe 2 Jahrhunderte beseelte, ist aus unzähligen Schriften bekannt. Manches Gute für jene Zeiten darf zwar nicht übersehen werden: allein der Zeitgeist forderte laut die Ausmerzung des vielen Zwecklosen, und bloß auf Klösterlichkeit Berechneten, was jene Lehrart beinahe allein bezweckte. Man setzte die größte Celebrität in eine ungeheure, unproportionirte Menge von Studirenden, und berathschlagte sich nach hinterlegten untern Klassen mit den fähigern Köpfen für die Wahl der Klöster. Was nicht für diese taugte, ward dem Staat überlassen, der unter der ausgeworfenen Spreu zu wählen hatte. Wir berühren den Lehrplan selbst nicht, der nach freieren Ansichten, die eine philosophische Bildung gibt, weit unter aller Kritik steht.
Nirgends spricht sich der Geist der jesuitischen Erziehung stärker aus, als in der Instruction des von den Jesuiten methodisch inspirirten baierischen Herzogs Wilhelm V., die er seinen beiden Söhnen , Maximilian I. (* 1673) und Philipp (* 1576), im Jahre 1584 ertheilte, und welcher die nachfolgenden Vorschriften der baierischen Regenten von Zeit zu Zeit mehr oder weniger charakterisirte. Wir theilen, anstatt aller anderen Charakteristik, dieses merkwürdige Aktenstück mit, indem es nirgends, wie hier, so passend an Ort uns Stelle steht:
Instruction; die über beede junge Herzogen Maximilian I. und Philippen aufgestellten Hofmeister und Präceptoren betreffend; 1584
So hatten die Jesuiten den Hof gestimmt, so die Höflinge, so die Staatsbeamten, und nach ihnen alles, was von ihnen abhieng. Das Volk war ganz Maschine in der Hand dieser Fanatiker, oder Heuchler, die es abgöttisch verehrte.
Maximilian Joseph, obgleich ganz nach jesuitischen Grundsätzen erzogen, both als Selbstherrscher sein Ohr den Lehren der Zeit und der Beispiele. Ueberall erscholl aus fernen Königreichen (Spanien, Portugal, Frankreich) das Anathem über einen übermächtig, beinahe zügellos emporgehobenen Orden, der den Staaten selbst Gefahr drohte. Der Nimbus fieng an zu verschwinden, und hinter dem Schleier, den warnende Schriftsteller von den Götzen des neuesten Heidenthums lüfteten, entdeckte man Betrug, Eigennutz, Herrschsucht und Verführung. Maximilian Josephs Achtung gegen den entschleierten Orden nahm ab, und ging endlich in Gleichgültigkeit, von dieser in Verachtung über. Der erste Schritt war durch die im Jahre 1759 begünstigte Akademie der Wissenschaften1)gethan, gegen welche, als ihre natürliche Feindin, die Jesuiten heimlich und öffentlich Ränke schmiedeten.
Im Jahre 1773 ließ sich Maximilian Joseph, so wie die katholischen Herrscher alle, die gänzliche Vertilgung des Ordens gerne gefallen, und man schien für alle Zukunft das Monopol klösterlicher Erziehung verabschiedet zu haben.
...Nach Auflösung des Jesuiten-Ordens war die Nothwendigkeit eingetreten, auch für die sogenannten lateinischen Schulen, die Gymnasien und Lyceen zu sorgen, und ihnen eine neue Verfassung, neue Vorsteher und Lehrer zu geben (Die Universität stand unter eigener Ministerial-Curatel).
(Heinrich) Braun 2), der nun Alles in Allem fühlte, erhielt auch hierüber das Commissariat; zog von allen Seiten Lehrer herbei, und stellte eine Mischung von Exjesuiten (die ohnehin pensionirt werden mußten) und Mönchen auf, deren Solde aber in München höher, als in den Provinzen festgesetzt wurden. Ueberall wurden Rectoren nach Brauns Laune und Vorliebe, mit einigen nicht unbeträchtlichen Mißgriffen, aufgestellt 3). Man ließ große Verheißungen und Aussichten für die Lehrer verordnen und drucken, womit man die besseren Köpfe zu locken suchte. Braun war kein sehr genauer Worthalter, und gar bald spann sich Mißtrauen und Zwiespalt an. Schon zu Ende des Jahres 1772 fand man es nöthig, dem Alleinherrscher näher aufzulauern, und der Uebermacht ein Gegengewicht zu geben.
Der oben genannte von Steeb erhielt von dem geistlichen Rathe den Auftrag, an Brauns Seite als Mitcommissär zu treten; allein diese sollte die linke sein, wie der ehrsüchtige Braun erwartete. Wider Vermuthen ward jenem die rechte zuerkannt; Braun glaubte sich zurückgesetzt und dankte ab. Man nahm diese Abdankung sehr willig auf, und der bescheidene Canon. Kolmann, der sich nicht einseitig betragen wollte, kam an dessen Stelle an die linke des wackern von Steeb. Graf Spreti präsidirte dem geistlichen, als auch dem Schulrathe. Dieses Kleeblatt besorgte nun redlich und klug die Geschichte des deutschen, gymnastischen und lyceistischen Schulwesens in Baiern.
Es ist nicht zu läugnen, daß damahls mit dem lateinischen Schulwesen gut Fortschritte geschahen; es war mehr Uebereinstimmung unter den Lehrern, und mancher gute Kopf zeichnete sich aus der Menge der in der ersten Nothwahl hervorgezogenen Lehrer aus. Man hatte Vorsteher, die man aufrichtig schätzen, und auf deren Worte man trauen konnte. Ein im Jahre 1774 gedruckter Plan, der zu schönen Hoffnungen berechtigte, wurde befolgt, und auch dem Lehrer, was unumgänglich nöthig war, einiger Raum gelassen, mit thätiger Nachhülfe mitzuwirken. Jene Epoche war weniger glänzend , als trostreich. Man sah sich berechtigt, eine immer gedeihlichere Zukunft dem Vaterlande zu versprechen. Das deutsche Schulwesen (das städtische ausgenommen) ward läßiger betrieben. Mancher gute Vorschlag scheiterte aus Mangel des Fonds, welcher überall nicht zu heben war.
Braun, der indessen nicht unthäthig gewesen war; sondern nur auf Mittel sann, sich wieder auf die oberste Stufe zu schwingen, ergriff im Jahre 1776 den Anlaß, der durch den Tod des Universitätsprofessors Freiherrn von Ickstätt sich darboth, wieder in Thätigkeit zu treten, und brachte es durch seinen Freund, den geheimen Kanzler Freiherrn von Kreitmayr, dah